14 April 2011, Donnerstag

Interview mit Gamze Karadağ:

„Wir müssen Forderungen zum Thema Frauengesundheit entwickeln!‟

1970 kamen Frauen in den USA erstmals in einem Kollektiv zusammen, um das Thema Gesundheit aus feministischer Sicht zu beleuchten. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist das 1973 erschienene feministische Frauengesundheitsbuch Our Bodies, Ourselves. Seit einigen Jahren ist auch eine türkische Adaption des Buches in Arbeit. Gamze Karadağ vom Verein Mavi Kalem arbeitet seit Beginn an diesem Projekt mit und berichtet über Ziele und Schwierigkeiten.

CORINNA TROGISCH coel.trogisch@emekdunyasi.net

Ein Buch geht um die Welt. Getragen von der in den 1960ern beginnenden Zweiten Welle der Frauenbewegung kamen 1970 Frauen in einem Kollektiv in Boston/USA zusammen, um das Thema Gesundheit aus feministischer Sicht zu beleuchten. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist das 1973 erstmals erschienene und seitdem immer wieder aktualisierte feministische Frauengesundheitsbuch Our Bodies, Ourselves. Das Buch ermutigt Frauen, ihre eigene Wahrnehmung gegen die von männlicher Hegemonie bestimmte Gynäkologie und Pharmakologie zu setzen. Es gibt Ratschläge zu Selbstuntersuchung und Vorsorge, diskutiert Naturheilmethoden für frauenspezifische Gesundheitsprobleme und geht auf psychologische, soziale wie kulturelle Aspekte von Gesundheit aus der Sicht von Frauen ein.

Die vormals weitverbreitete Praxis unnötiger Gebärmutterentfernungen etwa wird kritisiert, da die Gebärmutter im weiblichen Körper noch mehr Funktionen als nur die der Fortpflanzung erfüllt, also auch nach der Menopause von Bedeutung für das Wohlbefinden von Frauen ist. Inzwischen ist dieses Wissen auch in zahlreichen Gesundheitsorganisationen anerkannt; neue und sanftere Behandlungsmethoden wurden entwickelt. Ähnlich die Frage danach, warum stets nur von Frauen anzuwendende und mit Gefahren für die Gesundheit verbundene Verhütungsmittel auf dem Markt gelangen, obwohl es Alternativen gibt - auch hier hat Our Bodies, Ourselves zur Verbreitung kritischer Informationen beigetragen. Aber immer braucht es die kämpferische Bewegung, die dieses Wissen weitergibt und gesundheitspolitisch Druck ausübt.

Das mittlerweile in 22 Sprachen übersetzte und adaptierte Buch nahm regional unterschiedliche Formen an und setzte verschiedene Prioritäten, je nach Ressourcen und Charakteristiken der Frauenbewegungen, die sich für seine Verbreitung stark machten.[1] Und die es weitertragenden Bewegungen gaben ein imponierendes Beispiel für transnationale feministische Verständigung und Solidarität.

Während es in vielen Ländern schon lange Adaptionen gibt, wird eine türkischsprachige Adaption von Our Bodies, Ourselves erst in diesem Frühjahr zu haben sein. Das Copyright für die türkischsprachige Adaption liegt bei den Frauen des Vereins Mavi Kalem, der im Jahr 2000 von der praktischen Ärztin und Aktivistin Filiz Ayla gegründet wurde. Mavi Kalem ist eine Quartiersorganisation im historischen Istanbuler Stadtteil Fener/Balat ohne weitere Ableger, ein Verein der viele Projekte unter seinem Dach vereinigt und zahlreiche internationale Kooperationen pflegt.[2]

Gamze Karadağ arbeitet seit Beginn an der Adaption von Our Bodies, Ourselves mit und berichtet über Ziele und Schwierigkeiten des Projekts.

Das Interview führte Corinna Trogisch.

An welchem Punkt ist die Arbeit an der türkischen Version von Our Bodies, Ourselves derzeit?

Wir haben mit dem Projekt der Übersetzung und Adaption ins Türkische im November 2005 begonnen. Der Titel dieser türkischsprachigen Adaption von Our Bodies, Ourselves wird „Unser Körper, das sind wir‟ (türk. Bedenlerimiz Biziz) sein. Die Übersetzung und Adaption des Buches sind fertiggestellt. Im Stadium der Adaption haben sich neun verschiedene Frauenorganisationen an einem Beratungsausschuss für das Projekt beteiligt, und manche Organisationen haben uns zu den Kapiteln die in ihren Arbeitsbereich fallen, beraten. Dutzende Fachfrauen aus dem Gesundheitsbereich haben ehrenamtlich Unterstützung geleistet. „Unser Körper, das sind wir‟ wird im Herbst des Jahres 2011 im Verlag Metis Yayınları erscheinen, soweit wir es derzeit abschätzen können.

Kannst du etwas näher auf diesen Prozess der Erstellung des Buches eingehen? Welche Formen der Zusammenarbeit habt ihr gefunden, welche Bündnisse gab es?

Da wir nicht auf einmal genügend Finanzmittel beschaffen konnten, um das Projekt zu verwirklichen, haben wir es mit kleinen Zuschüssen über die Dauer von fünf Jahren hinweg realisiert.

Im Ganzen wurde das Projekt mit der unentgeltlichen Unterstützung von (Frauen-)Organisationen verwirklicht, die in der Türkei „mit Frauen‟ arbeiten. Natürlich ist über einen so langen Zeitraum wie fünf Jahre hinweg die Kommunikation mit den Frauenorganisationen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, von Zeit zu Zeit schwächer geworden. Unterstützung geleistet haben die Frauenstiftung Ankara, das Forschungs- und Ausbildungszentrum für Frauen- und Kindergesundheit an der Çapa-Universität, die Arbeitsgruppe zur Prävention von Gewalt gegen Frauen an der Medizinischen Fakultät der Gazi-Universität, die Stiftung Mensch für Bildung und Gesundheit, der Verein Menschenrechte der Frau - Neue Wege, Kaos GayLesbian, der Verein für Soziale Unterstützung und Solidarität Mavi Kalem, das Projekt „Unser Körper und unsere Sexualitäten‟ an der Sabancı-Universität und der Frauenverein Van. Auβerdem haben Einrichtungen wie der Verein für Positives Leben und der Verein Kampf gegen sexuell übertragbare Krankheiten uns bei Kapiteln unterstützt, die in ihren Arbeitsbereich fallen. Frauenorganisationen aus dem Beratungsausschuss haben ihren Fachgebieten gemäβ Kapitel probegelesen und so zum Buch beigetragen. Arbeitsgruppen haben uns beraten, und Frauen haben ihre eigenen Lebenserfahrungen und die Veränderung in der medizinischen Praxis mit uns geteilt. In das Buch sind ihre Forschungen und Publikationen mit eingeflossen, z.B. die von Organisationen, die für Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen, mit HIV und AIDS sowie anderen sexuell übertragbaren Krankheiten Infizierten sowie gegen Gewalt an Frauen kämpfen oder sich für gesundheitliche Aufklärung und ähnliche Themen einsetzen.

Was sind eure Ziele bei der Adaptation von Our Bodies, Ourselves? Von wem wird das Buch in der Türkei eurer Einschätzung nach v.a. genutzt werden?

Die Situation ist die, dass Frauen, ob gebildet oder nicht, ihren Körper nicht kennen. Sie lernen ihn kennen und definieren ihn durch von Medien produzierte Bildformate, durch ein von Männern dominiertes Verständnis, durch die Augen anderer. Es ist sehr schwer, an Gesundheitsinformationen aus Frauensicht zu kommen, und bedingt durch mangelnde oder Fehlinformation ist es Frauen nicht möglich, politische Forderungen in Bezug auf gesundheitliche Rechte zu stellen. Die Frauenbewegung in der Türkei kann dieses Thema nicht besonders in den Fokus stellen. „Unser Körper, das sind wir‟ wird Frauen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen im Gesundheitsbereich nicht allein dastehen; es wird sie darin unterstützen, ihren Körper kennenzulernen und sich mit anderen Frauen zu solidarisieren. Wir glauben, es wird dazu führen, dass dieses unsichtbare Thema, zu dem wir viel zu wenig Forderungen stellen, unter Frauen in der Türkei sichtbar wird. Gleichzeitig wird das Buch zu einer Quelle werden, um über das Recht auf Gesundheit ins Gespräch zu kommen und Forderungen  dazu zu entwickeln.

Du sagst, was die Formulierung von Forderungen zum Thema gesundheitliche Rechte betrifft, die Frauenbewegung in der Türkei könne diese nicht zum speziellen Fokus machen. Was mögen die Gründe dafür sein, habt ihr bzw. hast du dazu Vorstellungen? Und weiβt du von anderen Veranstaltungen von Frauengruppen zu diesem Thema? Ich habe z.B. von einer Seminarreihe gehört. Das sind nicht so umfassende Projekte wie das von euch erstellte Buch. Aber es scheint, als gebe es da eine Entwicklung. Steigt das Interesse in der feministischen bzw. Frauenbewegung, zum Thema Frauengesundheit zu arbeiten?

Die Frauenbewegung in der Türkei hat vor Jahren zu diesem Bereich zu arbeiten begonnen: die Frauenakademie AMARGI in Form von Workshops, und die Stiftung Menschenrechte für Frauen- Neue Wege im Rahmen von Bildungsprogrammen. Das sind natürlich wichtige Arbeiten. Jenseits dessen greift die feministische Bewegung eher Themen wie soziale Rechte von Frauen, Menschenrechte, Beschäftigung, Gewalt, Ehrverbrechen einzeln auf. Hintergrund dafür ist, dass an manchen Punkten dringend Intervention nötig ist, wie z.B. bei Verbrechen an Frauen, wo Forderungen aufgestellt werden müssen. Aber das Recht auf Gesundheit ist ein grundsätzliches Recht. Dafür braucht es einen Ansatz, der ganzheitlich all diese Themen einschliesst. Die Themen, die ich angesprochen habe, bilden ein Ganzes, und das Recht auf Gesundheit deren Grundlage.

In welcher Form geht das Buch auf Themen wie den Gegensatz zwischen Stadt und Land oder in der Türkei bestehende kulturelle Unterschiede ein?

Das Buch behandelt Frauengesundheit in 32 verschiedenen Kapiteln. Darin sind Erfahrungsberichte von in der Stadt und auf dem Land lebenden Frauen, und gleichzeitig von Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen enthalten; es werden Lösungen aufgezeigt und auch Lebensgeschichten berichtet, in denen sich keine Lösung fand. Dadurch wird „Unser Körper, das sind wir‟ ein Buch sein, das vom Westen bis zum Osten, vom Süden bis zum Norden alle Frauen einschliesst.

Welchen Themen gibt das Buch besonderen Raum, welche haben aus deiner Sicht besondere Bedeutung? Warum?

Im täglichen Leben gibt wird vieles auf uns angewendet, dessen wir uns gar nicht bewusst sind. Die Medien drängen uns in Bezug auf unsere Körper populäre Bilder auf, die Sexualität verkaufen; wir versuchen diesen zu entsprechen. Obwohl wir gesetzlich das Recht auf Abtreibung bis zur zehnten Woche haben, gibt es Institutionen, die sagen, nach der achten Woche machen wir das nicht mehr, und so zahlen wir hohe Preise. Obwohl wir das Recht auf eine natürliche Geburt haben, wird mit unnötigen medizinischen Maβnahmen, wie z.B. einem Kaiserschnitt, interveniert und wir oder das Baby tragen Schäden davon. Oder wir haben sexuell übertragene Krankheiten und obwohl es Vereine und Einrichtungen gibt, die uns unterstützen könnten, wenden wir uns aus Angst oder Scham nicht an diese. Es gibt Dutzende Beispiele aus unserem Leben für Themen, auf die dieses Buch fokussiert.

Der Titel „Unser Körper, das sind wir‟ enthält meiner Meinung nach die wichtigste Botschaft.  Denn ich sehe es so, dass Ich-sein und Wir-sein damit beginnt, unseren Körper zu bemerken und zu kennen.

In dem, was du sagst, drückt sich für mich eine der wichtigsten politischen Neuerungen aus, die die feministische Bewegung nach 1980 gebracht hat: zu bestärken dass Frauen 'ich' sagen, dass sie ihre Anliegen unabhängig von institutioneller Führung oder Vermittlung angehen. Das bringt mich noch auf etwas anderes, nämlich woran es teils liegen könnte, dass die Frauen- oder feministische Bewegung das Thema Frauengesundheit bisher wenig aufgegriffen hat: im Gegensatz zur breiteren Frauenbewegung besteht die feministische aus nur wenigen Frauen, sie hat quasi wenig Personal. Sie ist gegenkulturell orientiert und opponiert gegen herrschende Werte, was Frauen betrifft, aber weil sie keine Massenbewegung ist, geht das nur in begrenztem Umfang. Das Gesundheitssystem hingegen, und die Institutionen, die sich mit Frauen- oder wie es oft heisst „Frauen- und Kindergesundheit beschäftigen, bilden hingegen einen riesigen Bereich. Wie soll eine zahlenmäβig kleine Bewegung dagegen Politik entwickeln? An wen soll sich diese zuerst richten, an die Institutionen oder direkt an die Frauen, die deren Verständnis von Frauengesundheit ausgesetzt sind? Das Thema mag zu groβ wirken. Das was ihr inzwischen mit dem Buch geschafft habt, erfordert enorme Mühe und einen langen Atem... Wenn ich es vergleiche: Im Unterschied zur Situation in der Türkei gab es in Westdeutschland beispielsweise eine starke Bewegung von Hebammen, als das Buch herauskam; es war wie z.B. auch feministische Frauengesundheitszentren das Produkt einer breiteren Frauengesundheitsbewegung. Es scheint fast, als wolltet ihr hier umgekehrt mit diesem Produkt eine solche Bewegung erst anregen. Ist das so?

Nun, wie du weisst, ist „Unser Körper, das sind wir‟, also die türkischsprachige Adaption von Our Bodies, Ourselves ein aus der Sicht von Frauen geschriebenes Buch. Und dementsprechend richtet es sich an alle Frauen. Aber weil es sich eben um ein Buch handelt, gebraucht es eine individuelle Sprache. Es zeigt vom Beginn bis zum Ende unseres Lebens auf, wie Lösungen für gesundheitliche Probleme aussehen können, und wie wir andere Frauen unterstützen und natürlich uns selbst helfen können. Es zeigt Frauen Wege auf, wie die von Frauen in einem System männlicher Dominanz entwickelten Perspektiven aussehen, und wie sie aus diesen heraus nach Lösungen suchen können. Durch das Buch werden auch viele Frauen, die sich nicht als Feministinnen begreifen oder davor zurückschrecken, dazu angeregt, über „Frauensolidarität‟, den Grundstein der feministischen Bewegung, nachzudenken oder von ihr auszugehen.

Our Bodies, Ourselves ist ja als Produkt der feministischen Bewegung in den USA entstanden. Die Adaption „Unser Körper, das sind wir‟ kann von Frauen, die in der Türkei im Bereich Frauengesundheit kämpfen, als Quellenwerk benutzt werden, um Solidarität zu stärken und neue Politiken zu entwickeln. Wie du gerade sagtest, könnte mit dem Auftauchen des Buches die Frauengesundheitsbewegung wieder aktiviert werden. Darum werden wir uns in Zukunft weiter bemühen.

Wie würdet ihr gern mit Frauenbewegungen anderer Länder zusammenarbeiten? Welche Kooperationen wünscht ihr euch?

Wir wollen generell zum Thema Frauen mit Organisationen in anderen Ländern zusammenarbeiten. Da unsere Themen als Verein v.a. Frauengesundheit, gesundheitliche Rechte, Frauen und Migration, Gewalt usw. sind, haben wir daran besonderes Interesse.

Danke für das Gespräch!


[1] http://www.ourbodiesourselves.org/

[2] http://www.mavikalem.org/de/