02 Juni 2010, Mittwoch

WELTFRAUENMARSCH 2010

Weltfrauenmarsch am 30. Juni in Istanbul

Die Europa-Aktion des Weltfrauenmarsches (WFM) 2010 wird am 30. Juni in Istanbul stattfinden. Wie die WFM-Koordinatorin für die Türkei, Yıldız Temurtürkan, betonte, sind nicht nur die zunehmenden Vergewaltigungen und Verbrechen an Frauen Anlass für die Aktion. Vielmehr geht es den Organisatorinnen darum, herauszustellen, wie militaristische, rassistische und nationalistische Ideologien Frauenfeindlichkeit stärken.

NAGİHAN AKARSEL

Als feministisches, antikapitalistisches und antiimperialistisches Netzwerk hat der WFM für die Aktivitäten in diesem Jahr vier Schwerpunktthemen festgelegt. Deren wichtigstes lautet Frieden und Entmilitarisierung. Wie Temurtürkan mitteilte, hatten sich die Organisatorinnen für die Türkei entschieden, da diese eine Konfliktregion darstelle. Militaristische, rassistische und nationalistische Ideologien nähmen in der Türkei gegenwärtig zu. Parallel sei auch Frauenfeindlichlichkeit immer verbreiteter. Temurtürkan vertiefte ihre Ansichten in den folgenden Antworten auf unsere Fragen:


Was ist der Weltfrauenmarsch? Was sind seine Ziele?


Der Weltfrauenmarsch wurde von einer lokalen Bewegung inspiriert: im kanadischen Bundesstaat Quebec standen Frauen in einem nationalen Befreiungskampf und es gab eine lebendige feministische Bewegung, verkörpert in der Frauenföderation Quebecs. Diese organisierte 1995 den ‘Brot-und-Rosen-Marsch’. Das Ziel war damals, ausgehend von den vereinigenden Themen Armut und Gewalt ein globales Netzwerk zu gründen. Die Frauen aus unterschiedlichen Regionen, die in Montréal zusammenkamen, diskutierten darüber, eine neue weltweite Kampagne gegen die Entstehungshintergründe von Armut und Gewalt ins Rollen zu bringen. Und im Jahr 2000 wurden dann sowohl auf nationaler und regionaler als auch auf internationaler Ebene Aktionen um gemeinsame Forderungen veranstaltet. Um diese zu unterstreichen, wurden die Vereinten Nationen und die Weltbank aufgesucht. Allerdings gab es bis heute keine Antwort darauf. Das verstehen wir natürlich als Unvermögen, auf die Forderungen des WFM zu reagieren. Andererseits ist der WFM als Netzwerk ungemein stärker geworden. Z. Z. gibt es mehr als 70 Koordinationen, von denen 56 zum 100jährigen Jubiläum des 8. März Aktionen organisiert haben. Auch auf nationaler Ebene sind die WFM-Netzwerke angewachsen. Und nicht zuletzt sind in diesem Prozess bis zum Jahr 2010 zahlreiche Informationsmaterialien entstanden. Diese Dokumentationen und Broschüren, aber auch Slogans und Themen des WFM sowie seine Publikationen, die Situationen aus feministischer Sicht analysieren, haben für die Frauenpolitik vieler lokaler Organisationen eine enorm wichtige Rolle gespielt.


Nach den Märschen 2000 und 2005 wird der WFM 2010 zum dritten Mal Aktionen organisieren. Was ist das Besondere an den Märschen in diesem Jahr?

Im Grunde sind es die Märsche von 2000 und 2005, die anders waren. Sie wurden anders geplant. Im Jahr 2000 wurden beginnend mit dem 8. März bis zum 17. Oktober andauernde Aktionen geplant. 2005 hingegen wurde am 8. März in einem Land angefangen und die Aktionen in einem anderen Land beendet. Es wurde eine Flickendecke zusammengesetzt und anhand dessen die Lebensbedingungen von Frauen thematisiert. Die Decke wurde von einem Land zum anderen geschickt: nach und nach wurden Teile hinzugefügt, so dass sie immer grösser wurde. Für 2010 wurde kein solcher Ablauf organisiert, aber es wird wieder Aktionen auf nationaler und lokaler Ebene geben, die mit einer internationalen Aktion abgeschlossen werden. Das Ziel war, dass angesichts des 100jährigen Jubiläums des 8. März alle in ihren eigenen Ländern sein können und es zu einer starken Jubiläumsfeier kommt, und das wurde auch erreicht.
Nach den Aktionen von 2005 begann ein genaueres Nachdenken über die besondere Qualität des WFM, und dieser nahm die Form einer Bewegung an. Heute sind wir in über 70 Ländern als nationale Koordinationen hunderter Frauen und Basisgruppen organisiert. Wir haben ein internationales Komitee, das aus feministisch Aktiven aus fünf Kontinenten besteht, und ein internationales Sekretariat, das täglich Aktionen organisiert und zur Zeit in Sao Paulo arbeitet.

Welche Probleme gibt es rund um den WFM 2010 in globaler und lokaler Perspektive
?

Die allgemeine politische Atmosphäre macht es für den WFM schwierig, sich zu organisieren, aber auch, Ressourcen zu finden und sich Gehör zu verschaffen. Wir stoßen auf ernsthafte Hindernisse. Hinzu kommt, dass viele soziale Bewegungen und Frauenorganisationen nicht dazu neigen, gemeinsam zu arbeiten. Alle räumen ihren jeweiligen Schwerpunkten den Vorrang ein. Das verschafft dem WFM eine besondere Bedeutung. Andererseits haben wir ökonomische Probleme: sowohl für internationale als auch für lokale Initiativen finden wir nur schwer Geldquellen. Und was in den letzten Jahren die Zusammenkünfte von Frauen zusätzlich behindert, sind Probleme mit Einreisegenehmigungen. Frauen aus manchen Ländern bekommen kein Visum. Beispielsweise müssen Frauen, die aus Afrika auf ein Treffen kommen, in verschiedenen Ländern auf Visa warten und von da aus wieder einreisen, dabei kommt manchmal ein Abenteuer von einer Woche zustande.


Der WFM brachte das Thema Frauenfeindlichkeit auf die Tagesordnung. Glaubst du, dass gegen den Anstieg von Frauenfeindlichkeit Feminismus ausreicht?

Es ist richtig, dass der WFM als erste Initiative Frauenfeindlichkeit auf seine Tagesordnung gesetzt hat. Wir können auch von Verbrechen an Frauen sprechen. Der Begriff Feminozid, der sich aus dem Begriff Genozid ableitet, verbreitete sich im Grunde von den Orten aus, wo der WFM aktiv ist. Wir können sagen, dass eine solche begriffliche Fassung von Verbrechen an Frauen aus analytischer Sicht viel beigetragen hat. Entsprechend wurden jene Verbrechen an Frauen, die manchmal als Serienverbrechen oder als Ehrverbrechen bezeichnet werden, sichtbarer; sie kamen mithilfe des Begriffs quasi erst ans Tageslicht. Soweit wir sehen, sind in vielen Ländern die Medien erst durch unsere Berichte sensibler für dieses Thema geworden. Wie können wir nun aufgrund dieser Perspektive weiterkämpfen? Zu dieser Frage wurden verschiedene Texte vorbereitet, die Perspektiven anbieten. Das reicht natürlich nicht aus, aber ich denke, mit einem Bündnis der Frauenbewegungen werden wir darüber hinausgehen können


Was unterscheidet den WFM von anderen Frauenbewegungen?

Was den WFM von anderen ähnlichen Fraueninitiativen unterscheidet, ist v.a. seine Zusammenarbeit mit anderen sozialen Bewegungen. Schließlich gibt es zahlreiche ähnliche Frauennetzwerke und internationale feministische Strukturen. Der Unterschied zu diesen und zugleich die wichtigste Charakteristik des WFM ist seine Bündnispolitik und sein Vorgehen, den Kampf gegen Frauenfeindlichkeit als gemeinsames Ziel innerhalb dieser Zusammenarbeit zu setzen. 


Hat es eine besondere Bedeutung, die diesjährigen Aktionen im europäischeen Rahmen in Istanbul zu veranstalten? Nach welchen Kriterien werden die Länder ausgewählt, die Stationen des Marsches sind?


In der Vergangenheit wurden Aktivitäten in Marseille, in Belgien oder in der Hauptstadt Galiziens, in Vigo organisiert. Dieses Jahr gab es hingegen den Wunsch, etwas in Istanbul zu machen. Dass das Europäische Sozialforum in Istanbul stattfindet, bedeutet natürlich einige technische und praktische Erleichterungen. Aber es hat auch eine politische Bedeutung. Die Türkei ist eine Konfliktregion innerhalb Europas. Gleichzeitig hat sie auch über die Europäische Union hinaus Bedeutung innerhalb einer weiten Region, auch dies soll betont werden.


Du sagst, die Türkei sei als Konfliktregion ausgewählt worden. Wie arbeitet der WFM im Hinblick auf diese Konflikte und wie wird sich dies in Istanbul widerspiegeln?

Der WFM 2010 hat vier Hauptthemen: Frauenarbeit, Gewalt gegen Frauen, Frieden und Entmilitarisierung sowie das Öffentliche. All diese Themen hängen eng miteinander zusammen. Wir haben allerdings gesehen, dass es Bedingungen gibt, um den Kampf gegen Verarmung und Gewalt gegen Frauen führen zu können. In einer Region, in der Konflikt und Krieg herrschen, haben Frauen nicht die Möglichkeit, gegen Gewalt und Armut zu kämpfen. Mithin haben wir Frieden zu einem der grundlegendsten Themen bestimmt. Eine der Botschaften des WFM am 30. Juni in Istanbul wird also Frieden und Entmilitarisierung sein. Zum Frieden gehört nicht nur das Ende des unmittelbaren Konflikts. Entmilitarisierung umfasst auch Verringerung der Militärausgaben zugunsten von Bildung, Überprüfung von sexistischen und militaristischen Inhalten in Erziehung und Bildung, Ausgaben für Bereiche wie Gesundheit, Abbau von ausländischen Truppen und von Militärstützpunkten. Unsere Forderung ist nicht nur ein Ende des Konflikts, sondern dass dieses einhergeht mit einer gesellschaftlichen Entmilitarisierung.
Im gleichen Zuge betrachten wir die Selbstverteidigung eines Volkes oder von Frauen als legitimes Recht. Nationale Befreiungskämpfe betrachten wir in unterschiedlichen Kategorien, dies zeigt schon ein Blick in unsere Texte. Den Kampf von Frauen für Frieden sehen wir auch als Kampf gegen männliche Vorherrschaft. Denn Militarismus ist eine Struktur, die Männlichkeit, Hierarchie und eine Kultur des Gehorsams weitervermittelt und männliche Dominanz festigt. Unser Kampf gegen Militarismus richtet sich so auch gegen überlieferte patriarchale Ordnungen. Und natürlich ist es wichtig, dass die Türkei ausgewählt wurde. Das wird sich auch im Programmaufbau widerspiegeln. Eine Repräsentantin wird beispielsweise im Namen kurdischer Frauen sprechen. Redebeiträge während der Aktionen werden auf Kurdisch, Türkisch, Englisch, Französisch und Deutsch gehalten werden.


Die Türkei wird in letzter Zeit von Übergriffen und Verbrechen gegen Frauen, von Vergewaltigungen erschüttert. Werder ihr bei dem Treffen in Istanbul dazu etwas sagen?

Auch auf dem Weltsozialforum im vergangenen Jahr wurde sich damit auseinandergesetzt, dass frauenfeindliche Ideologien im Zuge der Krise zunehmen, dass die Gewalt gegen Frauen ansteigen wird und dass gerade in den Gesellschaftsschichten, die am meisten Diskriminierung ausgesetzt sind. Die Kosten der Krise werden den am meisten diskriminierten Teilen der Gesellschaft aufgeladen und im gleichen Zuge werden die sozialen Bewegungen kriminalisiert.
Und im Nachhinein kommt es zu Operationen gegen Gewerkschaften, zur Kriminalisierung feministischer Bewegungen, diese werden als „terroristisch‟ dargestellt usw. Unter solchen Vorwänden werden Bewegungen als ungesetzlich dargestellt, auch das kommt auf uns zu. Rassistisch, militaristische und nationalistische Ideologien nehmen zu, ebenso Frauenfeindlichkeit. Aus Männergruppen bestehende Banden organisieren immer mehr die Gesellschaft und bieten Dienstleistungen an, wie wir festgestellt haben.
Und so sind die in unserem Land Schlag auf Schlag in Erscheinung tretende Vergewaltigungen sowie der Kinder- und Frauenhandel auch keine Einzelerscheinungen –  sie sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Der Teil, der nicht mehr zu verbergen ist und seinen Widerhall in den Medien findet. Die Gesamtdimensionen bleiben für uns unsichtbar und bestehen fort. Dagegen, denke ich, können wir nichts anderes setzen als den Kampf durch ein Bündnis aus Frauenorganisationen, feministisch Aktiven und den vorhandenen sozialen Bewegungen.

Ankara - DİHA