13 Juli 2010, Dienstag

Kurdische Frage durch Polygynie lösen?

Frauen reagieren wütend auf sexistischen und rassistischen Äußerungen von AKP-Bürgermeister.

Die sexistischen und rassistischen Aussagen des Bürgermeisters von Rize, Halil Bakırcı (AKP), über kurdische Frauen blieben nicht ohne Folge. Frauen aus verschiedenen Regionen der Türkei verlangen, dass Bakırcı zur Rechenschaft gezogen wird.

Bakırcı hatte letzte Woche bei einer Ansprache die Ansicht geäuβert, türkische Männer sollten sich als Beitrag zur Lösung des türkisch-kurdischen Konflikts eine kurdische Zweitfrau nehmen. „In meiner Familie gab es viele, die sehr gut Kurdisch sprachen. Es gab keine Diskriminierung. Es kam zu Eheschlieβungen zwischen Leuten aus Rize und der betreffenden Region, und es entstanden verwandtschaftliche Bindungen. Verwandtschaft hebt Feindschaft auf, so hatte Bakırcı sinniert. Die Kultur der Polygynie gebe es nun einmal in der Türkei, auch wenn sie nicht geltendem Gesetz entspräche: „Die Leute kommen in ein bestimmtes Alter, sie bekommen keine Kinder, oder die Frau wird krank. Akzeptieren wir diese Realität. Die Menschen erfüllen ihre ehelichen Bedürfnisse durch Mätressen oder ähnliches. Daran muss man diese Menschen hindern. Ich glaube, dass wir die Probleme in der Region in einem Prozess von etwa 30 Jahren merklich mindern oder lösen können, indem wir – auch mit Anreizen durch den Staat – Heiraten und Verwandtschaftsbindungen zum Anstieg bringen. Dass es mit Gewalt und militärischen Mitteln zu einer Lösung kommt, glaube ich hingegen nicht.

IZMIR

Mitglieder der Frauenplattform von Izmir versammelten sich vor dem AKP-Gebäude und verlasen eine Presserklärung gegen die Erniedrigung von Frauen wie auch der kurdischen Bevölkerung durch Bakırcıs Äuβerungen. „Wir verurteilen diese sexistische und auf Assimilation zielende Politik aufs Schärfste, hieβ es auf Transparenten, und: „Schluβ mit der Ausbeutung von Frauen. Die Teilnehmerinnen der Veranstaltung skandierten u.a. „AKP, Hände weg von meinem Körper und auf Kurdisch den Slogan "Freiheit für Frauen und Mädchen (Jin jiyan azadî).

Meliha Kayacı verlas vor dem streng gesicherten Gebäude eine Erklärung im Namen aller Teilnehmenden. Die Haltung der AKP gegenüber Frauen als auch der kurdischen Bevölkerung sei nunmehr offenbar geworden, so Kayacı. Etwas derartiges habe sich schon in den Worten Erdoğans – „Was sein muss, wird getan, und wenn es sich auch um Frauen und Kinder handelt – angekündigt. Die Verlautbarung Bakırcıs ziele darüberhinaus auf eine Erniedrigung aller Frauen, die sich für Frieden einsetzten. Im Hinblick auf die inzwischen begonnene parteiinterne Untersuchung sagte sie: „Eine administrative Untersuchung reicht nicht aus, diese rassistische und sexistische Erklärung darf nicht ohne Folge bleiben.

Das Frauenparlament der prokurdischen BDP in Izmir organisierte in Reaktion auf Bakırcı einen Marsch zur ehemaligen örtlichen Sümerbank-Niederlassung. Die hinter einem Transparent „Nieder mit dem puritanischen, rassistischen und sexistischen Geist der AKP! marschierenden Frauen riefen „Mörder Staat, nimm deine Hände von meinem Körper! Auf der anschlieβenden Kundgebung vertrat das Frauenparlamentsmitglied Cemile Demir, in Halil Bakırcıs Äuβerungen drücke sich das Projekt aus, das die AKP der Gesellschaft aufzuoktroyieren versuche. Sie fuhr fort „Die Erklärung dieser Einzelperson mit ihrem fanatisch-religiösen, rassistischen und sexistischen Inhalt betrifft die ganze Gesellschaft tief. Sie ist ein Anzeichen dafür, wie die Hilflosigkeit gegenüber dem 30jährigen Befreiungskampf eines Volkes gegen hundertjährige Assimilation in Aggressivität umschlägt.

ADANA

Auch das BDP-Frauenparlament in Adana organisierte eine Demonstration aufgrund der Aussagen Bakırcıs mit groβer Beteiligung, u.a. von seiten der Parteileitung. Hier war auf Transparenten zu lesen: „Weiten wir den Befreiungskampf gegen Vergewaltigung und Vergewaltiger aus, „Aus diesem lumpigen Vorschlag spricht die Mentalität der Vergewaltigung, „Kinder der Generäle auf Vaters Schoβ, arme Kinder des Volkes an die Front und „Faβt unsere Kinder nicht an. Parolen wie „Wer nach den Frauen greift, dessen Hand soll brechen und „Die AKP soll zurücktreten” waren zu hören.

Wie die Bezirksvorsitzende der BDP, Hürriyet Aydemir, in ihrer Ansprache betonte, handle es sich bei den Worten Bakırcıs um einen Angriff auf alle in der Türkei lebenden Frauen. „Wir rufen alle Abgeordneten im Parlament, zuvorderst die Frauen unter ihnen, dazu auf, Bakırcı für seine rassistischen und sexistischen, kurdische Frauen erniedrigenden Worte zur Rechenschaft zu ziehen, so Aydemir.

Auch die Adanaer Frauenplattform versammelte ihre Mitglieder zu einer Presseerklärung. Auf Transparenten wurde der Rücktritt Bakırcıs gefordert. Dieser habe sich neben Rassismus, Sexismus und Aufhetzung  weiterer im Strafgesetzbuch erwähnter Verbrechen schuldig gemacht, so Derya Çiçek für die Plattform. Auch sie hob hervor, die betreffenden Aussagen richteten sich nicht nur gegen kurdische, sondern alle Frauen. Çiçek erinnerte ferner daran, dass auch in der von Bakırcı der Presse gegenüber geäuβerten Entschuldigung der von ihm mit Nachdruck verwendete Ausdruck „ein Mädchen nehmen/geben Bände spreche: „Frauen werden somit als eine Sache, ein Besitz angesehen, der ausgetauscht wird; ihr Wille in Bezug auf ihren Körper und ihre Identität zählt nichts.
Im Anschluβ an die Erklärung zeigten die anwesenden Frauen Halil Bakırcı unter Vermittlung der Staatsanwaltschaft von Adana bei der Generalstaatsanwaltschaft in Rize an. Ferner forderten sie seine sofortige Entbindung von allen Pflichten als Bürgermeister.

AĞRI

Das Frauenparlament der BDP in Doğubeyazıt organisierte eine Protestveranstaltung gegen Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt sowie die in der kurdischen Region verstärkten Militäroperationen und das Dorfschützersystem. Eine Erklärung verurteilte neben Vorfällen von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen in letzter Zeit auch die Äuβerungen Halil Bakırcıs. Die Sprecherin Makbule Andiç führte aus: „Aus den Verlautbarungen des AKP-Bürgermeisters geht hervor, dass die Kurden als Bürger zweiter Klasse gesehen werden, über deren Körper zu sprechen er sich das Recht nimmt. Es handelt sich bei diesem Angriff auf kurdische Frauen automatisch um einen Angriff und eine Erniedrigung des gesamten kurdischen Volkes. Als nach der Operation von Siirt zehn getötete Guerillas, darunter drei Frauen, im Krankenhaus vor den Augen der Ärzte von Soldaten sexuell miβbraucht wurden, hat das im ganzen kurdischen Volk Erschütterung und Wut ausgelöst. Auch wir als Frauenparlament der BDP verurteilen diese Methoden, über den Körper der Frauen das ganze kurdische Volk zu demütigen, auf das Schärfste. Wir rufen gerade intellektuelle Kreise zur Sensibilität dafür auf.

BURSA

Auch in Bursa kam es zur Anzeige Halil Bakırcıs durch die örtliche Frauenplattform. Die Mitglieder versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude und riefen Slogans wie „Frauen werden nicht mehr schweigen und „Hoch die Frauensolidarität. Wie Nursel Şengür im Namen der Gruppe formulierte, sei der ‘historische, soziologische und psychologische’ Lösungsvorschlag Bakırcıs zur Beendigung des langen Konfliktes insbesondere aus Sicht kurdischer, aber an sich aller Frauen, offenkundig rassistisch und sexistisch. An die Zuständigen innerhalb der AKP gerichtet, fuhr Şengür fort, es reiche nicht aus, Bakırcı seines Bürgermeisteramtes zu entheben.
Zum Abschluss der Veranstaltung übergaben die Frauen ihre Anzeige, die zur gleichen Zeit nach Rize geschickt worden war, auch an die diensthabende Staatsanwaltschaft in Bursa.

TUNCELİ

Das Städtische Frauenparlament von Dersim (Kurdische Bezeichnung für den Ort Tunceli) organisierte einen Demonstrationszug gegen Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Verhaftungen von Frauen. „Wandeln wir auf den Spuren der Göttinnen! Gegen Belästigung, Vergewaltigung und Staudämme, lautete ein Transparent, ein anderes “Die Grundschulen auf Internatbasis sollen geschlossen werden”. Hunderte Teilnehmende riefen immer wieder auf Kurdisch „Freiheit für Frauen und Mädchen (“Jin jiyan azadi”), „Stopp der Militäroperationen. Der Zug endete vor dem Freiheitsdenkmal, wo die Bezirksvorsitzende der BDP, Nevin Balta, im Namen der Anwesenden sprach. “Wir Frauen, die wir von einer Göttinnenkultur kommen, werden unseren organisierten Kampf gegen eine zerstückelte Identität, Krieg und Assimilation verstärken, das versprechen wir, so Balta.

Die Bürgermeisterin von Tunceli, Edibe Şahin, hielt indessen fest, der Ansatz des AKP-Bürgermeisters von Rize, die kurdische Frage zu lösen, indem kurdische Frauen zu Zweitfrauen gemacht würden, sei inakzeptabel. Türkische und kurdische Frauen gemeinsam würden Bakırcı vor Gericht bringen, so Şahin.