01 Februar 2011, Dienstag

Männergewalt 2010: 217 Frauen getötet

Im vergangenen Jahr haben Männer aller Alters-, Berufs- und Statusgruppen gegen Frauen fast aller Alters-, Berufs- und Statusgruppen in verschiedener Form Gewalt angewendet: physisch, psychologisch, sexuell, ökonomisch und emotional.

Wiewohl die jeweils zur Geltung gebrachten Vorwände sich ändern können, lag allen  Vorfällen von Gewaltausübung der Herrschaftsanspruch von Männern Frauen gegenüber zugrunde. Die Männer sahen Frauen als ihr Eigentum an und waren auch nach Scheidung oder Trennung nicht bereit, auf die Rechte, die sie für sich daraus ableiteten, zu verzichten.  In mindestens 42 der registrierten Fälle von Gewaltanwendung war im Umfeld der betroffenen Frauen bekannt, dass diese unter Bedrohung standen, sie hatten sich aufgrund von Gewalterfahrungen bereits an Polizei oder Staatsanwaltschaft gewandt; indes wurden keine Maβnahmen zu ihrem Schutz ergriffen.

Einer vom Unabhängigen Web-Nachrichtendienst bianet aus Berichterstattungen verschiedener Zeitungen und Websites zusammengestellten Übersicht zufolge haben Männer im Jahr 2010 türkeiweit mindestens  217 Frauen und drei Kinder durch Gewaltanwendung getötet sowie vier Kinder und 164 Frauen verletzt.

Mindestens 381 Frauen und Kinder wurden Opfer von Übergriffen, 207 Frauen und Kinder wurden vergewaltigt. Die Opfer von Übergriffen und Vergewaltigungen waren zum weit überwiegenden Teil Kinder. 23 Frauen verübten bianet zufolge Selbstmord oder kamen auf fragwürdige Weise zu Tode. Die Zahl der Männer und männlichen Jugendlichen, die 2010 wegen Gewaltverbrechen, Körperverletzung, Belästigung oder Vergewaltigung in Gewahrsam genommen, verhaftet oder gesucht wurden, liegt bei 646.

Verteilung der Gewalt nach Stadt und Region

Hinsichtlich Stadt und Region, Alter, Berufsgruppen, Verhältnis zwischen Opfer und Täter sowie Anlässen für männliche Gewaltanwendung veröffentlichte bianet die folgenden Angaben:

Zu Gewaltanwendung gegen Frauen kam es 2010 in Istanbul und Adana am häufigsten. Die meisten Übergriffe bzw. Belästigungen fanden der Berichterstattung zufolge in Samsun (16), gefolgt von Bursa (10) und Kayseri (6) statt. Die meisten Vergewaltigungen wurden hingegen aus Bursa gemeldet.  Dort wurden 14 Vergewaltigungen bekannt, in Samsun 11. Hierauf folgen Istanbul und Adana.

Die Region, in der die meisten Gewaltverbrechen, Vergewaltigungen und Belästigungen registriert wurden, ist Marmara.

25 % der Verbrechen mit Todesfolge fanden in Marmara statt, 19 % in Mittelanatolien, 17 % in der Mittelmeerregion, 15 % in der Ägäis, 10 % in Südostanatolien, 8 % am Schwarzen Meer und 6 % in Ostanatolien.

28 % der Vergewaltigungen wurden in Marmara registriert, 20 % in der Mittelmeerregion, 18 % in der Ägäis, 16 % am Schwarzen Meer, 7 % in Südostanatolien, 6 % in Mittelanatolien und 5 % in Ostanatolien.

Täter meist die Ehemänner

Die meisten Frauen wurden im Jahr 2010 von ihren Ehemännern getötet, gefolgt von Lebenspartnern, Vätern, Ex-Ehemännern und Brüdern. Ebenso waren unter den Tätern Schwiegersöhne, Verlobte, ehemalige Geliebte, Stiefväter und angenommene Söhne.

Von den 2010 getöteten Frauen wurden 50 % von ihren Ehemännern, 13 % von ihren Lebensgefährten, 11 % von ihren Vätern, 8 % von ihren Ex-Gatten, 4 % von Brüdern und anderen Verwandten und 3 % von ehemaligen Geliebten umgebracht. Durch die Hand von Schwieger- und angenommenen Söhnen starben jeweils weitere zwei Prozent, weitere durch männliche Freunde, Verlobte, Stiefväter und -brüder.

Am meisten verletzt wurden Frauen durch ihre Ehemänner: 46 Prozent. Ferner wurden 15 % der durch Gewalt erlittenen Verletzungen von den Vätern der Frauen verübt, neun Prozent von Geliebten, sieben durch Ex-Ehemänner.

Die Vergewaltiger und Belästiger sind nicht weit

82,56 % der Opfer von Übergriffen und Belästigungen waren jünger als 18 Jahre. An erster Stelle der Täter standen in diesem Fall Lehrer und Dozenten. Die meisten Frauen und Kinder wurden durch „Bekannte‟ belästigt und die Belästigung ereignete sich mehr als einmal.

23,52 der Belästiger waren Lehrende, 16,8 % Freunde, 10,8 % Verwandte, 7,56 % Vorgesetzte und  3,8 % Väter der Betroffenen. Insgesamt 23,52 % der Belästiger waren Nachbarn, Freunde der Familie, Kleingewerbetreibende im Viertel, Freunde der Ehemänner u.a.

Die Vergwaltiger von Frauen und Kindern waren 2010 zu 91,3 % den Opfern bekannte Männer. Nur 8,69 % der Vergewaltigungen entfielen auf Unbekannte. Am häufigsten wurden Frauen und Kinder durch Freunde vergewaltigt (15, 94 %), gefolgt von Geliebten (14,49 %), Verwandten und Vätern (6,52 %). Lehrer und Dozenten waren in 5,79 % der Vergewaltigungsfälle die Täter, Brüder und Arbeitgeber in 2,89 %.

3.62 % der Vergewaltigungen wurden durch den Ehemann des Opfers verübt. Da aufgrund gesellschaftlicher Konventionen nicht alle Vergewaltigungen in der Ehe als solche aktenkundig werden, ist hier mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen.

Verteilung nach Berufsgruppen der Täter

Die Berichterstattung belegt, dass physische und andere Formen von Gewalt gegen Frauen und Kinder in allen Berufs- und Statusgruppen vorkommen. 19,11 % derjenigen, gegen die wegen Mordes ermittelt wurde, waren verrentet, 17, 64 % abhängig beschäftigt, 16, 17 % arbeitslos, 10, 29 % Bauern. Insgesamt 8,82 % der Tatverdächtigen waren bei Polizei oder Militär beschäftigt bzw. Verrentete aus diesen Bereichen.

Im vergangenen Jahr wurden wegen Belästigung und Übergriffen am häufigsten Lehrer und Dozenten, wegen Vergewaltigung am häufigsten Sicherheitsbedienstete verurteilt. Die Fälle von Belästigung bzw. Übergriffen verteilten sich wie folgt auf die Berufsgruppen (Auszug): Lehrer und Dozenten 34,65 %, Polizei- und Militärangehörige 11,88 %, Kleingewerbetreibende 9,9 %, Studenten 9,9 %, abhängig Beschäftigte 6,93 %, Politiker, Botschafter u.a. 5,94 %, Arbeitgeber 3,96 %, Arbeitslose 3,96 %.