16 Mai 2011, Montag

Ein armenischer Soldat, verstorben am 24. April

Am 24. April jährte sich der Massenmord an Armeniern in der Türkei zum 96. Mal. Der Tod des armenischen Rekruten Sevag Şahin Balıkçı, eingesetzt im Bezirk Kozluk in Batman, durch eine Kugel in die Magengegend just an jenem Tag wirft Fragen und Zweifel auf.

Offizielle Quellen verlauteten, Sevag Şahin Balıkçı sei durch einen Unfall zu Tode gekommen. Während von Armeeseiten behauptet wurde, beim Waffencheck habe sich eine Kugel gelöst, titelten Zeitungen, ein Scherz habe „ein tödliches Ende gefunden.‟ Der Widerspruch zwischen beiden Versionen löste auch deswegen Aufmerksamkeit aus, weil sich der Vorfall sowohl am Jahrestag des Massenmords an den Armeniern, als auch an Ostern als einem der höchsten christlichen Feiertage ereignete.

‚DER ARMEE ANVERTRAUT'

Die von der armenischen Zeitung Agos interviewte Mutter Sevag Balıkçıs gab folgende Erklärung ab: „Meinem Sohn ging ein Brief zu, in dem es hiess: ‚Ihr Sohn ist uns anvertraut.' Werden so die der Armee Anvertrauten geschützt? Überdies ging es um das Anvertrauen eines der wenigen verbeibenden Armenier.‟

Der Vater des Verstorbenen holte die Leiche aus dem Armeekrankenhaus in Gümüşsuyu/Istanbul ab und brachte sie in die Kirche von Feriköy. Einige Tage später wurde Sevag Şahin Balıkçı auf dem Friedhof in Şişli/Istanbul beerdigt.

Die Agos-Autorin Talin Suciyan schrieb in einem Kommentar zum Tod Balıkçıs (Agos 787):

„Ich bin keine Marmorierung, kein Mosaik, und nicht ‚die Farbe Anatoliens'!

Um mich zu ertragen, habt ihr mich zu Mosaiken gemacht, das war zu statisch; so wurde ich zur Marmorierung. Aber ob Mosaik oder Marmorierung, ihr alle seid euch darin einig, dass ich ‚die Farbe Anatoliens' sei. Doch ich bin nicht euer Mosaik, nicht eure Marmorierung, noch die Farbe Anatoliens! Ich weiss, wenn ich sterbe, wenn meine Stimme nicht mehr zu hören ist, wenn keine Spur mehr von mir bleibt, dann kann ich farbig werden; je mehr ihr meine Geschichte auslöscht, desto bunter werde ich vor euren Augen.

Ich bin nicht eure Marmorierung, nicht euer Mosaik, und nicht ‚die Farbe Anatoliens'. Was bin ich dann? Ich bin ein Kind dessen, was die Schwerter übrig lieβen, von einem Volk, dessen Körper geplündert wurde, das sein Zuhause und seine Heimat viele Male verloren hat, dessen Spuren in den letzten hundert Jahren von der Erde auf der es Tausende Jahre lebte, gelöscht wurden, dessen Existenz und Vernichtung geleugnet wird, dessen Gotteshäuser, Schulen, Stiftungen (...), dessen einzelne Menschen (...) sich selbst entfremdet wurden, die Tochter eines Volkes, dessen Gehirne gewaschen wurden, das ausgelöscht wurde. Man sagt ‚türkischstämmige Armenierin' zu mir.

Am Tage des 24. April kam ein Armenier in einer Kaserne zu Tode - oder er wurde getötet. Die Armenier selbst haben verstanden, was das heiβt. (Europaminister) Egemen Bağış tritt auf den Plan und sagt: ‚Unser Bruder Sevak steht für die Farben Anatoliens.' Natürlich hat Bağış Recht, ein toter Armenier ist immer ein ‚Bruder'! Und ja, wir repräsentieren eine Farbe: tiefes Schwarz. Grenzenloses, endloses Schwarz!

Das Schwarz hat Sevak eingehüllt. (...)

Versucht nicht, den jahrhundertlangen Schmerz nachzufühlen. Aber versteht, welcher Macht wir ausgesetzt sind, wie die Kirche ihrer Gemeinde entrissen wurde (...) , versteht es anhand der Rede des Erzbischofs nach der Zeremonie; versteht zu welch unendlicher Bürde wir in diesem Land verbleibende Armenier verdammt wurden. Wenn wir es zu erklären versuchen, stehen uns die Wörter mit Hohnlachen gegenüber; versteht es, ohne uns noch mehr erklären zu lassen. Teilt sie, diese Einsamkeit.‟

ED/Agos Gazetesi - Übersetzung/ Bearbeitung: CT