03 Mai 2010, Montag

TAG DER "UNGESEHENEN" ARBEIT

Feministinnen auf dem Taksim-Platz

Ein gelungenes Fest wurde es, der Erste Mai in Istanbul. Nach Absprachen zwischen Gouverneur, Polizei und Organisatorinnen war der Taksim-Platz dieses Jahr wieder den Arbeiterinnen und Arbeitern, ihren Vertretungen und sozialistischen Gruppen zugänglich.

CORINNA TROGISCH coel.trogisch@emekdunyasi.net

Ein gelungenes Fest wurde es, der Erste Mai in Istanbul. Nach Absprachen zwischen Gouverneur, Polizei und Organisatorinnen war der Taksim-Platz dieses Jahr wieder den Arbeiterinnen und Arbeitern, ihren Vertretungen und sozialistischen Gruppen zugänglich. Die Schrecken des Massakers von 1977 haben Generationen von politisch Aktiven geprägt, und als Generationen vereint zeigte sich ab der Mittagszeit eine unüberschaubare Menge von Menschen –  200.000, sagen Schätzungen, das würde souverän ein dreifaches der in den Jahren zuvor Mobilisierten bedeuten. Was immer an Forderungen auf den Platz getragen wurde, hatte so teil an einem Bild der Hoffnung. Es geht was in der Türkei!

In mehreren Zügen waren sie zum Platz marschiert: von Şişli aus diejenigen Gewerkschaftsverbände, die am radikalsten den Zugang zum Taksim-Platz gefordert hatten, DİSK (Verband revollutionärer Arbeitergewerkschaften) und KESK (Verband der Gewerkschaften öffentlich Bediensteter). Mit ihnen Berufsverbände und Kammern, die prokurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP), eine Vielfalt sozialistischer Organisationen – und diejenigen, die einem zu freundlich ‘orthodox’ genannten Marxismus das Einheitsempfinden vergällen: schwullesbische Gruppen und Feministinnen in ihrer lilafarbenen Pracht.

Das Klima in diesem Zug ist gedeihlich für die sicherlich 300 Frauen: die islamisch-konservative Hak-İş und die Neo-TKP, die sich immer noch schwertut , nicht der offenen Feministinnenfresserei zu verfallen, ziehen weit weg von einem anderen Zug aus auf den Platz. Frau ist hier unter vielen guten Bekannten. Sicher, etliche von denen, die mit uns einig schreiten, haben Dreck am Stecken, was das Thema sexualisierte Gewalt und die Solidarisierung mit deren Opfern angeht. Erst vor zwei Jahren kam es nach einem solchen Vorfall zu massenhaften Austritten von Frauen aus der SDP (Partei der sozialistischen Demokratie) und zu deren Spaltung. Aber dennoch, viele feministische Forderungen sind willkommen. Etwa ‘Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit’; wer möchte da zurückstehen? Auch die heutigen Spielregeln sind kein Debakel mehr wert: Das lila Carré marschiert ohne Behelligung, keine Herren, die im Geiste des ‘Frauen und Männer Hand in Hand’ Einlass begehren. Eine grossartige Sambagruppe, bestehend nur aus Frauen, spielt, die Reihen hüpfen. Eines der Schilder im Lila erinnert an einen kürzlichen Vorstoss der Familienministerin Aliye Kavaf: ’Zu sagen, Homosexualität sei eine Krankheit, ist Faschismus’. In vielen Teilen der Linken sind Ansichten wie die Kavafs nach langem, zähem Kampf kalter Kaffee - mithin etwas, das Gästen und Geschätzten nicht angeboten, aber hie und da doch auch mal getrunken wird.

Als es auf den Platz geht, brüllen die Feministinnen statt des auf dem Weg immer wieder nach rechts und links skandierten: ‘Die Liebe der Männer tötet täglich drei Frauen!’ ein verträgliches ‘So, da sind wir!’

Die Schilder und Transparente im lila Tross verweisen jedoch überdeutlich auf eine weiterhin bestehende Front jenseits derer an den Absperrungen um den Taksim-Platz. Schon ganz am Anfang heisst es ‘Die Sklavinnen der Arbeiter – die Ärmsten der Armen – Vorwärts, Frauen, zur Solidarität!’ Dann etwas konkreter: ‘Männer ins Haus, Kinder hüten!’ Eine Gruppe hat diese Forderung in einem doppelseitigen Flugblatt vertieft. Darin ist die Rede von ungesehener Arbeit, von Jahren zwischen Kindern, Abwasch und Bügeleisen, Jahren die zurückgefordert werden, auch als Frühverrentung für Frauen. Ein Ausschnitt aus Dekaden lokaler feministischer Diskussion und Analyse, dem ganz spezifischen Verlauf der „Hausarbeitsdebatte? in der Türkei, aus einem Diskurs, der immer unverhohlener auch von Frauen in gemischten linken Organisationen getragen wird. Die Trennlinien zwischen diesen und den autonomen Feministinnen sind nicht mehr so scharf wie 1989, als Feministinnen Männercafés besetzten und viele sozialistische Frauen beklommen Abstand nahmen von soviel kriegerischem Tun. Zwar gibt es sie weiterhin, die Kreise der Unbelehrbaren in der linken Bewegung, die sich noch immer an der Delegimation feministischer Politik als nicht vom Volke ausgehend versuchen. Aber sie erstarren immer mehr zu Karikaturen, während der politische Prozess woanders stattfindet. Den bislang eindrucksvollsten Beleg für die gewachsenen Handlungsmöglichkeiten eigenständiger feministischer Politik lieferte die Solidaritätskampagne für die streikenden Arbeiterinnen des Novamed-Konzerns in der Freihandelszone von Antalya 2007. Die hervorragend vernetzten autonomen Feministinnen wurden darin zur führenden Kraft, der Streik endete mit einem Erfolg. Auch an der anderen Front geht was.

 

İstanbul - Arbeits Welt

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