14 Oktober 2010, Donnerstag

KOMMENTAR EYLEM ATEŞ:

In der Gewerkschaft hat die Frau keinen Namen*

In den 1980er Jahren drängte die Stagnation der Gewerkschaftsbewegung in Groβbritannien und das gleichzeitige Absinken der Mitgliederzahlen die Gewerkschaften zu einem Nachdenken über die Mitgliedschaft und Organisierung von Frauen (Cunnison/ Stagemen 1993). Die Erwartung, dass mit dem Anstieg der Anzahl weiblicher Mitglieder auch die Interessen von Frauen besser vertreten würden, zerschlug sich sich jedoch angesichts der historischen Entwicklungen in jenen Gewerkschaften, die auf beachtliche weibliche Mitgliederanteile kamen.

EYLEM ATEŞ ateseylem@gmail.com

Betrachten wir die verfügbaren Fakten, dann sieht die Situation in der Türkei nicht wesentlich anders aus. Von insgesamt 489 leitenden Gewerkschaftsmitgliedern sind nur 19 Frauen (KEİG-Türkiye'de kadın emeği istihdamı, April 2009). Trotz des geringen Anteils weiblicher Mitglieder finden sich in vielen Gewerkschaften und Gewerkschaftsverbänden keine Sekreteriate, die sich die Erhöhung der Organisierungsrate von Frauen zum Ziel setzen würden. In frauendominierten Arbeitsbereichen, die gewerkschaftlich organisiert sind, besteht im völligen Kontrast zum Geschlecht der beitragzahlenden Mitglieder die gewerkschaftliche Vertretung von der betrieblichen bis zur zentralen Ebene weit überwiegend aus Männern.

Ein Verständnis gewerkschaftlicher Arbeit, das die besonderen Interessen von Frauen nicht durch ihr Frausein, sonden lediglich durch ihre Eigenschaft als Arbeitende bedingt sieht und so die arbeitende Klasse auf etwas Eingeschlechtliches reduziert, lässt gewissermaβen Männergewerkschaften entstehen.

Während sich angesichts der ausbeuterischen Angriffe des Neoliberalismus, der Formen der Reproduktion und den bürokratisierten, antidemokratischen Gewerkschaftsstrukturen die Notwendigkeit einer neuen Form von Gewerkschaftsarbeit aufdrängt, gewinnt es aus einer solchen ganzheitlichen Sicht auch immer mehr an Bedeutung, die Position von Frauen als Subjekten in Arbeitskämpfen neu zu bewerten.

Die ersten aufrichtigen Anstrengungen in einem auf dieser ganzheitlichen Perspektive beruhenden Kampf werden darin bestehen, jene Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die in den Organisationen der Arbeit der Sichtbarkeit von Frauen im Wege stehen. Dies heiβt in Bezug auf die Gewinnung weiblicher Mitglieder, die Beiträge für Frauen zu ermäβigen, in Bezug auf die Repräsentation, eine Quotenregelung anzuwenden, in den Satzungen die Verankerung von Schutzmaβnahmen gegen Übergriffe und entsprechenden Sanktionen, den Beschluss von Vorkehrungen gegen Diskriminierung; und es heiβt, im Zuge von Tarifverhandlungen die Forderung nach Elternzeiten statt lediglich Mutterschutz aufzustellen.

Es ist angesichts der Geschichte des Kampfes um die Arbeit wichtig, hier die 'Aufrichtigkeit' zu betonen, denn unsere Erfahrungen zeigen uns eine weitere Wirklichkeit: die männlichen Gewerkschafter, die auf jeder Plattform als Meister revolutionärer Rhetorik auftreten und die Rede von einer „anderen Welt‟ im Munde führen, bewegen sich keinen Schritt aus den gesellschaftlich hergebrachten Geschlechterrollen heraus, wenn es um die besagte Sichtbarkeit von Frauen geht. Frauen in den Leitungen und Frauen die in den Organigrammen sichtbar sind, können ihre Position in eben dem Maβe halten, wie sie die Maskulinität dieser Einrichtungen reproduzieren. Dagegen ist in den Organisationen der Arbeit und sogar in politischen Parteien die Verweildauer von Frauen, die sich gegen Sexismus, gegen organisationsinterne Diskriminierung und gegen Belästigungen und Übergriffe wenden, gewöhnlich nur kurz. Es wird von Frauen erwartet, dass sie ihre eigene Substanz verleugnen.

Die Organisationen der Arbeit, die jeden arbeiterInnen- und demokratiefeindlichen Angriff des Kapitals und der Mächtigen, jede Entscheidung die unser Leben im öffentlichen wie privaten Raum beeinflusst, mit Verve kritisieren, stecken die Köpfe in den Sand, wenn es um die Repräsentation von Frauen, ihre unentlohnte häusliche Arbeit, ihre Belästigung in den Organisationen geht - so sehr erschüttert dies ihre Selbstsicherheit.

Gerade so wie arm und unterdrückt zu sein, eine Identität als ArbeitendeR zu haben, nicht nur Männersache ist, so sind auch die Gewerkschaften nicht der alleinige politische Raum der Männer. Sie müssen damit beginnen, in den Gewerkschaften und Verbänden eine Perspektive zu diskutieren, mittels der die Beteiligung von Frauen erhöht und diese aktiviert werden können. Die Gewerkschaften werden durch Frauen stärker werden.

Dieser Kommentar erschien am 10.10.2010 auf emekdunyasi.net und wurde unverändert ins Deutsche übersetzt.


* Anm. d. Ü.: Der Titel bezieht sich auf die bekannteste feministische Buchveröffentlichung in der Türkei , Duygu Asenas 1987 erstmals erschienene autobiografische Novelle Kadının Adı yok (dt. 'Die Frau hat keinen Namen').