07 Juni 2011, Dienstag

„Sie sollte getötet werden“

Proteste im Vorfeld der Wahlkampfkundgebung von Ministerpräsident Erdoğan in Hopa forderten ein Todesopfer; eine gegen die Gewalt demonstrierende Aktivistin wurde durch Polizeiprügel schwer verletzt.

Im Vorfeld der Wahlkampfkundgebung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in Hopa, Provinz Artvin, organisierten EinwohnerInnen von Hopa eine Protestdemonstration. Noch bevor der Ministerpräsident in Hopa eintraf, ging die Polizei bereits hart gegen die DemonstrantInnen vor. Im Zuge der Intervention wurden verstärkt Gasbomben und Tränengas eingesetzt. Aufgrund der hohen Dichte an Tränengas erlitt der pensionierte Lehrer Metin Lokumcu einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er im Krankenhaus starb.

Der Tod von Metin Lokumcu löste im ganzen Land vielfältige Proteste aus. Im Zuge dieser Proteste wurden vor den Bezirksgebäuden der AKP schwarze Kränze niedergelegt und Eier geworfen. Jedoch änderte sich auch während dieser Aktionen das Verhalten der Polizei nicht. Erneut wurde mit Gasbomben und Tränengas interveniert.

VERFOLGUNG UND ANGRIFF

Während einer dieser Protestkundgebungen gegen den Tod von Metin Lokumcu im Zuge der Vorfälle in Hopa wurde Dilşat Aktaş, Vorstandsmitglied des Vereins Volkshäuser (Halkevleri) dabei gefilmt, wie sie auf einen Panzer kletterte. Aktaş wurde im Anschluss an die Kundgebung von der Polizei verfolgt und so zugerichtet, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Der Zustand von Aktaş, die von Anwesenden aus den Händen der Polizei gerissen und ins Krankenhaus gebracht wurde, war zeitweise lebensbedrohlich und es bestand die Gefahr einer bleibenden Lähmung. Aktaş, deren Hüftknochen mehrere Brüche aufwiesen, wurde Platin implantiert. Ein Attest bescheinigt ihr eine sechsmonatige Arbeitsunfähigkeit. Aktaş berichtete, dass sie von Polizisten verfolgt worden war, nachdem sie von dem Panzer heruntergeklettert war. Sie beschrieb, wie Zivilpolizisten ihr im Ankaraer Stadtteil Kızılay „Komm mal her, bist du das etwa?" nachgerufen und wie zwanzig Polizisten daraufhin minutenlang auf sie eingeprügelten. Ihr Körper weise überall Spuren der Schläge auf.

Sie sagte, dass sie gehört habe, wie PassantInnen die prügelnden Polizisten gemahnt hätten, endlich aufzuhören und sie mit Mühe aus den Händen der Polizisten gerettet und mit einem Taksi ins Krankenhaus gebracht hätten. Aktaş erklärte, dass die Polizisten aus Rachegefühlen gehandelt hätten: „Die Kundgebung war vorbei. Trotzdem haben sie mich verfolgt. Ich wurde nur mit Mühe gerettet."

PROTESTE VON FRAUEN GEGEN FRAUENFEINDE

Ministerpräsident Tayyıp Erdoğan hatte über die Proteste gesagt, er „schimpfe" mit den BewohnerInnen von Hopa, die auf die Strasse gegangen waren und mit denen, die gegen die Vorfälle in Hopa protestierten. „Hopa ist wohl von Banditen überfallen worden", verlautete der Ministerpräsident; über Metin Lokumcu sagte er: „Einer hatte wohl einen Herzinfarkt und ist gestorben; seinen Namen weiss ich nicht; ich halte es nicht für notwendig, mich weiter damit aufzuhalten."

Während er die Protestkundgebungen als „Unterstützung für Banditen" wertete, sagte Ergoğan über Dilşat Aktaş: „dieses Mädchen oder diese Frau, was weiß ich". Da im türkischen Sprachgebrauch die Unterscheidung zwischen ‚Mädchen' und ‚Frau' auf Vorhandensein oder Fehlen der Jungfräulichkeit verweist, ist diese Äuβerung des Ministerpräsidenten erkennbar der Versuch, die Aktivistin Dilşat Aktaş in den Augen der konservativen Öffentlichkeit durch die Unterstellung herabzusetzen, sie sei, obwohl unverheiratet, keine Jungfrau mehr.

In Reaktion auf diese Worte protestierten Frauen in Ankara mit einer Presseerklärung gegen die diskriminierende Haltung der Regierung, welche Gewalt gegen Frauen begünstige. Die Frauen trugen Banner mit Aufschriften wie „Mädchen oder Frau, unsere Körper gehören uns" und riefen Slogans wie „Frauen Hand in Hand im Widerstand", „Wir werden keine Sklaven der Gewalt sein" und „Frauen werden die AKP zur Rechenschaft ziehen".  Die Protestierenden betonten Erdoğans frauenfeindliche Haltung. Sakine Esenyılmaz, die die Presseerklärung verlas, sagte in Bezug auf die Aussagen des Ministerpräsidenten: „Das Gesicht dieses Frauenfeindes ist uns nicht unbekannt, dieses Gesicht kennen wir."

ED / Bearbeitung: CT -  Übersetzung: RH